Weinbau in Gaisburg |
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Zur Geschichte Gaisburg war, wie der Name besagt, die Burgsiedlung auf dem Geißberg. Hier hütete vermutlich der Geißhirte vom nahe gelegenen Berg, zu dessen Markung Gaisburg zunächst gehörte, seine Geißen. Der größte Teil der Gaisburger Markung war ursprünglich wohl Weideland, und der Wald reichte von der Höhe weit in die Froschbeißerklinge und ins Klingenbachtal herab. Gegen Ende des Hochmittelalters waren dann die Hänge gerodet, urbar gemacht und mit Reben bepflanzt. Zwei der größten und bedeutendsten Weinlagen tragen Namen, die auf den ursprünglichen Wald hinweisen: Ruit, von reuten, roden, und Eych, von Eiche. Die erste urkundliche Erwähnung verdankt Gaisburg dem Weinbau. Um 1140 schenkte Reginbert von Cannstatt dem Kloster Hirsau ein Gut zu Geiseburg. Das Kloster war wohl kaum an Obst und Gemüse oder Getreide, das sowieso hier kaum angebaut wurde, sondern an Wein interessiert. Insgesamt 17 Klöster oder kirchliche Institutionen hatten im Mittelalter Besitz in Gaisburg, auch so entfernt liegende wie die Zisterzienserklöster Bebenhausen im Schönbuch, Salem am Bodensee und Kaisheim in Bayern. (Der Flurname im Gaishammer rührt davon her. Die Gaishämmerstraße erinnert heute noch daran.) Die Mönche und Geistlichen benötigten den Wein nicht nur zur Meßfeier, auch beim Mahl erfreute er den Gaumen der Mönche und Priester. War doch der Wein neben dem Wasser im Mittelalter und bis in die Neuzeit hinein das wichtigste Getränk in unserer Gegend. Bis zum Ende des Hochmittelalters ( Mitte 13. Jahrhundert) waren die unteren Keuperhänge, die Lagen beim Weiler, im Abelsberg, in der Ruit, im König, im Pfaff, in der Eich und im Bruckenschlegel mit Reben bepflanzt. Bis zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) wurden dann nach und nach auch ungünstigere Lagen, die stärker dem Frost ausgesetzt waren, gerodet und Weinberge angelegt, im Neuhäuser, in der Klingen und die jungen Weinberge im Tal und der Nonnenwald, Cannstatter Rain, Hetzenacker und Hölzle auf der Höhe. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erfuhr der Weinbau einen Einbruch, da Krieg und Seuchen die Einwohnerschaft dezimiert hatten und daher viele Weingärten verödet waren. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts, mit der Zunahme der Bevölkerung, wurden alte, wüst liegende Anbaugebiete wieder kultiviert und neue, auch weniger geeignete Lagen, erschlossen, wie die Neue Halde, auf der Heid und im Buchwald. Bei den beiden letzteren war der Boden ungeeignet und der Weinbau wurde bald wieder aufgegeben. Flächenmäßig hatte der Weinbau zu Beginn des 18. Jahrhunderts seine größte Ausdehnung erreicht. Etwa ein Drittel der Markung war mit Reben bepflanzt. 1831 waren es immerhin noch 23,5 % und 1893, vor der Eingemeindung nach Stuttgart, 20,4 %. Angebaut wurden im 19. Jahrhundert vorwiegend Trollinger, Portugieser und Sylvaner. Gaisburger oder Uhlbacher - Weinprobe im Gaisburger Schlössle Die Witwe des Reichspostmeisters Mittler, Maria Juliana Mittler, eröffnete 1743 im Schlössle eine Gastwirtschaft, in der an Sonn- und Feiertagen die Stuttgarter und Cannstatter Ausflügler gerne einkehrten. Neben Gaisburger Wein, der aus eigenem Anbau stammte, wurde auch Uhlbacher Wein ausgeschenkt. Drei junge Gaisburger Burschen, Hansjörg Pfehler, Hansjörg Boss und Sebastian Rebhorn, hatten mit zwei jungen Mägden im Schlössle angebändelt. Diese luden die drei Burschen am Drei-Königs-Tag ein, um das neue Jahr zu feiern. Man aß und trank und der Wein zeigte allmählich seine Wirkung. Der bisher den Burschen gereichte, gewöhnliche Gaisburger wollte den Dreien nicht mehr so recht schmecken. Die Mädchen wußten Rat, im Schloßkeller lagen noch bessere Weine. Dort zapfte Boos das nächstbeste Faß an, doch die Mädchen verwiesen auf einen noch besseren Wein, einen Uhlbacher. Mit dem neuen Wein wurde der Abend noch vergnügter. Da alles so gut gegangen war, verabredete man sich erneut auf den kommenden Sonntag. Diesmal holte man gleich den Uhlbacher, wie auch noch bei den folgenden Treffen. Doch wie heißt das Sprichwort: „Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er zerbricht.“ Der Schloßbesitzerin und Gastwirtin fiel auf, daß ihr bester Wein, der Uhlbacher, im Faß immer weniger wurde. Die Mägde wurden zur Rede gestellt, und sie gestanden ihre Tat. Ein Gerichtsverfahren gegen die Fünf wurde eröffnet. Die drei Burschen wurden zu sechs Wochen Zwangsarbeit auf dem Hohenasperg verurteilt, und die beiden Mädchen kamen für sechs Wochen in das Zucht- und Arbeitshaus nach Ludwigsburg. Immer weniger Wein wird angebaut Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert machte sich auch in Gaisburg bemerkbar. Die Frauen und Männer, die in den benachbarten Orten, Stuttgart, Berg und Cannstatt, eine Arbeit gefunden hatten, suchten und fanden preiswerte Wohnungen in Gaisburg. Im Tal entstand das Unterdorf und das Oberdorf dehnte sich immer weiter nach Süden, entlang der Hauptstraße (heute Hornbergstraße), aus. 1901 gelang es der benachbarten Residenzstadt Stuttgart nach langen und zähen Verhandlungen Gaisburg einzugemeinden. Die Stuttgarter waren nicht am Gaisburger Wein interessiert, sie hatten selbst genügend eigenen Wein, sondern am Grund und Boden, der sich sowohl für die Ansiedlung von Industrie- Entsorgung - und Versorgungsbetrieben, als auch für den Bau von Wohnungen eignete. Ein von der Stadt Stuttgart 1896/97 ausgearbeiteter Bebauungsplan wies das Gebiet zwischen Tal- und Hackstraße und entlang des Neckars als Industrieviertel aus. Vor dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) begann man noch im Lotter, in den unteren und oberen Kelterweinbergen, im Krauchen, in der Eych und im Neuhäuser Wohnhäusern zu errichten. Nach dem Krieg war der Bedarf an Wohnungen weiterhin sehr groß, und neue Siedlungen wurden in ehemaligen Weinbergen erstellt, so die Gasarbeitersiedlung in den ehemaligen jungen Weinbergen (zwischen Hack- und Rotenbergstraße) und die Gasarbeitersiedlung am Bruckenschlegel. Gaisburg blieb aber weiterhin eine weinbautreibende Gemeinde mit einer eigenen Kelter und mehreren Besenwirtschaften. Angebaut wurde hauptsächlich Trollinger. Für diese Traubensorte eignete sich der Boden am besten. Zwischen den Trollingerstöcken wuchsen vereinzelt auch Sylvaner und Riesling. Wenn der Trollinger in ungünstigen Jahren nicht recht ausreifte, wurden den Trollingertrauben süße Sylvanertrauben zugegeben und gemeinsam gepresst. In der Ruit reiften hauptsächlich Trollinger- und dazwischen wenig Sylvaner- und Rieslingtrauben. Heinrich Schreiber, Baugeschäft, baute im Abelsberg auch Riesling an. Auf der Halde und oberen Halde wuchs vorwiegend Riesling. Bäcker Schmied baute in der Ruit auch Müller-Thurgau an. Die verschiedenen Lagen Die besten Lagen waren und sind es auch heute noch der Abelsberg und die Ruit. Welches die bessere Lage ist, darüber sind die Meinungen geteilt. Der Abelsberg bekommt vorwiegend Morgen- und Mittagssonne. Oft erfroren dort aber die neuen Triebe, wenn die Sonne morgens auf die noch mit Reif bedeckten Triebe schien. Die Ruit hingegen bekommt vorwiegend Mittags- und Abendsonne. Die Abendsonne wärmt den Boden auf, der die gespeicherte Wärme dann nachts wieder abgibt. Weniger gute Lagen waren Neugreut, Hetzenacker, Wäldle, Raffen, Steinbruch, Vogel, Bruckenschlegel, Gaishämmer, Nonnenwald und Cannstatter Rain. Sie sind heute alle, von kleinen Flächen abgesehen, nicht mehr mit Reben bepflanzt, nur die Mäuerle, Stäffele und Wengerterhäusle erinnern noch daran. (Noch sehr schön im Gewann Steinbruch zu sehen.) Die Pfarrer und der Wein „Darum iß dein Brot und trink deinen Wein und sei fröhlich dabei! So hat es Gott für die Menschen vorgesehen, und so gefällt es ihm.“ Die Gaisburger Pfarrer kannten sicherlich diese Bibelstelle, und bei Tisch werden auch sie Wein getrunken haben. Was ihnen aber immer wieder Sorgen bereitete, war die Trunksucht. Schon der erste Gaisburger Pfarrer, Johannes Alber, 1554 - 1589, hatte damit zu tun Er selbst lebte mit seiner Familie in Eintracht und war Vorbild für seine Gemeinde, weder der Magistrat noch die Bürger hatten eine Klage gegen ihn vorzubringen. Dagegen hatte der Pfarrer mit so manchem seiner ihm anvertrauten Schäfchen Kummer. Da war Hans Kull, der häufig zu tief ins Weinglas schaute. War er dann voll, führte er das große Wort, war grob und sang unzüchtige Lieder. Auch Pfarrer Konrad Wolf, 1591-1602, konnte ein Lied davon singen. Jerg Stußlinger, ein Richter, trank gern und viel. In seiner Trunkenheit fluchte er übel. Einmal jagte er sogar seine Hausfrau mit einem Waidmesser in der Hand zum Haus hinaus. Johann Gottfried Faber, 1759-1808, war dem Pietismus zugetan und sehr auf das Seelenheil seiner ihm anvertrauten Mitchristen bedacht. Die weit verbreitete Trunkenheit in seinem Pfarrsprengel, wozu auch Gablenberg und Berg gehörte, bereitete ihm großen Kummer. Dem kirchlichen Visitator gestand er einmal fast unter Tränen, überall herrschten verdorbene Zustände. In seinem Bericht schrieb daher der Visitator 1783: Die Armut macht allen drei Gemeinden schwer zu schaffen. Die erdrückende Schuldenlast rührt aus dem Laster der Trunkenheit her, wobei der Schultheiß und der Bürgermeister zu Gaisburg mit schlimmem Beispiel vorangehen, da sie allesamt vom Schultheißen bis zum Schützen den Buckel voller Schulden haben und doch Wein im Keller, wollen sie wenigstens diesen genießen. Vor zwei Jahren zerschlug ein Hagel die Weinberge, doch statt darin eine Gottesstrafe zu erkennen, sagte einer dieser Gottlosen: „ Mein Wein im Keller ist noch nicht zerschlagen“, sprach´s und besoff sich zum Trotz und fing Händel an. Friedrich Jakob Krauss, 1896-1872, war anderer Meinung: Nach meiner zwar erst halbjährigen Erfahrung und Beobachtung ist der sittliche, religiöse geschilderte Zustand Gaisburgs nicht so schlimm, als er gewöhnlich geschildert wird. Die Kinderzucht ist in vielen bürgerlichen Familien, die vom Land- und Weinbau leben, nicht übler als anderwärts. Man leitet die Kinder früh an, an dem mühevollen Unterhalt des häuslichen Anwesens mitzuarbeiten. Über den Schultheiß Gottlob Schreiber, ein hiesiger Weingärtner, meinte er: Er ist ein gutmütiger, wohlwollender Mensch. Er leistet in Handhabung guter Zucht und Ordnung wohl manches, jedoch für hier nicht genug. Gaisburger Wengerter Als die Kelter noch stand, verkauften die Wengerter den Traubenmost direkt von der Kelter weg an die Gaisburger und Stuttgarter Wirte, die ihn dann selbst ausbauten. Auch in Plüderhausen im Remstal kam der Gaisburger Wein zum Ausschank. Karl Schreiber, er war Vorstand des Gaisburger Weingärtnervereins, ermahnte seine Kollegen immer wieder, sie sollten für ihren Wein einen ordentlichen Preis verlangen und sich von den Wirten nicht über den Tisch ziehen lassen. Daneben vermarkteten die Weingärtner ihren Wein auch selbst an Privatkunden. Bekannte Gaisburger Wengerter waren Gustav, Gotthilf und Wilhelm Kull, Karl und Heinrich Schreiber, Wilhelm, Robert, Eugen und Adolf Scheeff, Otto Berner, Paul Lutz, Paul Eisele, ,Hermann Auweter, Paul Glemser, Hans Erhardt, Jakob Pfeiffer, Gottlieb und Heinich Umgelter, Karl Gottlieb Hutzenlaub und Johannes Beck. Bekannter waren die alten Wengerter früher unter ihren Übernahmen wie, dr Schnellreich, dr rote Kull, dr Haga Kull, dr Marktsoldat, dr Kobus, dr Gaga. Karl Hägele war ein Wengerter aus Leidenschaft, dabei war er gar kein Gaisburger, sondern ein Reingschmeckter. 1942 kaufte er von Christian Beck 17 Ar Weinberg in der Ruit. Beck war es auch, der den Neuling in die Weinbergarbeit einwies. Bis ins hohe Alter pflegte Hägele seinen Weinberg selbst, in dem er Trollinger Trauben hatte und ein paar Stöcke Rote Urban oder Roturbes. Die letzteren schätzte er sehr und achtete bei der Lese darauf, daß keine davon gegessen oder gar verschenkt wurden. Arbeit gab es für ihn im Weinberg das ganze Jahr hindurch. Im Herbst, nach der Lese, zog Hägele die Pfähle aus dem Boden und stapelte sie zu Rößle. Zum Schutz vor Kälte wurden anschließend die Reben mit Erde bedeckt. Im Frühjahr mußte man pfählen. Dabei band er das Pfahleisen mit einem Riemen an den Stiefel und rammte damit die teilweise frisch angespitzten Pfähle in den Boden. Dann band er die Reben mit Ramschab (eine Grasart), den er selbst im Gaisburger Wald holte, an die Pfähle. Die Weiden, die er auch zum anbinden benötigte, zog er selbst im Garten. Den Sommer über schnitt er die Reben und ging mit der Spritze durch die Rebreihen. Bei der Weinlese war er immer dabei. Er ermahnte stets seine Helfer, vertrocknete und grüne Beeren auszulesen, hintergefallene Beeren aufzulesen und keine Trauben am Stock zu lassen. Erst mit 90 Jahren überließ er auf Drängen seiner Tochter einem Jüngeren, die vollen Butten die Wengertstäffele hinunterzutragen. Jede volle Butte notierte er mit einem Bleistiftstrich in seinem Büchlein, bevor sie in den großen Zuber geschüttet wurden. Im Souterrain seines Hause in der Drackenstein stand die Raspel, und im gewölbten Keller ließ er den Traubenmost gären. Er baute seinen Wein selbst aus und achtete anfangs darauf, daß kein Zucker zugesetzt wurde. Sein Wein war sicherlich gewöhnungsbedürftig, um nicht zu sagen sehr herb. Aber er mundete ihm, und Hägele wurde 100 Jahre alt, was für die Qualität seines Trollingers spricht. Besenwirtschaften Wichtige Abnehmer waren die Besucher der Besenwirtschaften. Die erste bekannte Besenwirtschaft betrieb der Schulmeister Johann Jakob Stöckle. Er stammte aus Stuttgart und heiratete 1710 eine Gaisburger Bürgerstochter, die Weinberge in die Ehe brachte. Während er oder sein Provisor in der oberen Stube die Kinder unterrichtete, schenkte er in der unteren Stube seinen eigenen Wein oder den des Pfarrers aus. In einer Beurteilung durch die Schulaufsicht 1725 heißt es: Stöckle hat feine Gaben zu informieren, ist aber mit Feldgütern überladen und daher bisweilen unfleißig in der Schule. Schenkt Wein aus und setzt Zehrleute in das Haus, das sein eigenes ist. Als ihm 1740 das Weinausschenken verboten wurde, hängte er das Schulmeisteramt an den Nagel und wurde Schultheiß. Aber nicht nur der Gaisburger Schulmeister schenkte Wein aus, auch seine Kollegen in Berg und Gablenberg taten dasselbe. In einem Bericht von 1788 lesen wir: Alle drei Schulmeister schenken Wein aus. Da das Schulgeld übel eingeht, müssen sie im Herbst Wein dafür nehmen, und weil sie damit nicht handeln, müssen sie ihn ausschenken. Dies geschieht aber nur im Sommer, meist über die Gassen, und weil es nicht in der Schulstube, sondern in der Wohnstube geschieht, kann dagegen nichts eingewendet werden. Im 19. Jahrhundert wanderten viele Stuttgarter und Cannstatter Bürger in das malerisch gelegene Gaisburg, von wo aus sie einen herrlichen Blick über dem Neckartal mit seinen Flußauen hinweg zur Burg Wirtenberg bzw. zur Grabkapelle hatten. Anschließend genoß man den Gaisburger Roten und ein deftiges Vesper. Im Ersten Weltkrieg waren die Besenwirtschaften vermutlich geschlossen, denn 1928 eröffneten Karl und Heinrich Schreiber in der Schurwaldstraße als erste wieder Besenwirtschaften. Der zum Ausschank kommende Wein mußte ganz ausgegoren und hell sein, dann konnte der Besenwein für etwa drei bis vier Wochen zwischen Januar und März, bis der Wein ausging, ausgeschenkt werden. Für die Besenwirte und ihre Familien bedeutete die Besenzeit eine drangvolle Enge, vor allem beim Schlafen gab es Probleme. Das Wohnzimmer und zum Teil auch die Schlafzimmer mußten ausgeräumt werden, um Platz für Tische und Bänke für die Gäste zu bekommen. Zum Ausschank kam beinahe ausschließlich Trollinger. Dazu reichte man einfache Gerichte, Grüne Peitschenstecken und Schweizer Käse, aber auch Kesselfleisch mit Öhrle und Knöchle, dazu Sauerkraut. Bekannte Besenwirtschaften betrieben neben den beiden genannten Schreiber, Karl Kull in der Hornbergstraße, Gottlieb Umgelter neben der Kelter, dem Knöpfle in der Welzheimer Straße und Paul Eisele, zunächst in der Landhausstraße 267 und dann an der Schranke (Alfdorfer Straße 19). Nach dem zweiten Weltkrieg gab es, soweit bekannt, nur noch die Besenwirtschaft von Paul Eisele bis 1961. Die Kelter brennt Der große Einbruch im Weinanbau erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Grund dafür war der Verlust der Kelter. Sie fiel dem verheerenden Luftangriff vom 19. auf 20. Oktober 1944 zum Opfer. Lichterloh brannten das weitgehend aus Holz errichtete Gebäude und die darin gelagerten hölzernen Bottiche und Fässer. Gleich einer Fackel schlugen die Flammen in den Nachthimmel und machten die Nacht zum Tag. Gaisburg verlor damit ein Wahrzeichen, und wir fragten uns, wo können wir nun unseren Wein keltern. Die Kelter wurde nicht mehr aufgebaut, und die Trauben mußten nun privat gekeltert werden, so beim Karl Gottlieb Hutzenlaub in der Steinbruchstraße, bei Karl Oßwald in der Hornbergstraße, beim Karl Schreiber in der Schurwaldstraße, beim Hans Erhard am Katzenbuckel, überall dort, wo es Raspeln und Pressen gab. Einige Wengerter brachten ihre Trauben nach Wangen oder Obertürkheim. Beim Brand der Kelter wurden auch sämtliche Geräte, die Bütten usw., vernichtet und mußten neu angeschafft werden. Der Transport der Trauben in benachbarte Keltern verursachte zusätzliche Kosten und schließlich starben die alten Wengerter aus. Die Jungen erlernten andere Berufe, wo das Geld leichter und auch mehr verdient wurde, als bei der mühseligen und schweren Arbeit im Weinberg. Hinzu kam erneut der Wohnungsbau. Der Bebauung des sogenannten Plettenbergs (benannt nach der Plettenbergstraße) fielen die Gewanne Hetzenacker und Teile der Gewanne Abelsberg, Ruit und Wädle zum Opfer. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts verödete immer mehr Weinberge, da ein Wengerter nach dem andern aufgab. Paul Eisele bewirtschaftete seinen Weinberg bis kurz vor seinem Tod 1972. Heute ist nur noch ein Gaisburger, Otto Lautenschlager, im Weinberg tätig. Daß es in Gaisburg noch Weinbau im größeren Umfang gibt, verdanken wir auswärtigen Weingärtnern. Anfang der 90er Jahre verpachteten Paul Lutz, Walter und Kurt Scheef, Lotte Beck und andere Weinbergbesitzer große Flächen im Abelsberg und in der Ruit an Weingärtner aus Uhlbach, aus Obertürkheim, aus Esslingen, aus Fellbach und vor allem an Gerhard und Klaus Dieter Warth aus Untertürkheim. Kleinere Rebflächen gibt es noch im Bruckenschlegel und im Cannstatter Rain. Gaisburger Trollinger und Gaisburger Riesling aus Untertürkheim Gerhard Warth hatte gehört, daß in Gaisburg Weinberge verpachtet würden. Da er den Weinbau im Vollerwerb betrieb, schaute er sich zunächst die Lage an, befand sie für gut, und nach und nach pachtete er mehrere Weinberge im oberen Abelsberg. Diese waren, als er sie übernahm, noch nach älterer Anbauart betrieben, und so mußte er zunächst Zeit und Geld investieren, um sie für einen modernen Anbau herzurichten. Die Weinbergmauern wurden entfernt und Senken mit Erden aufgefüllt, einerseits um den Boden zu verbessern und andererseits um moderne Maschinen einsetzen zu können. Die bisherigen Pfahlanlagen mußten Drahtanlagen weichen. Angebaut werden heute vor allem Trollinger und Riesling. In je einer Parzelle wachsen Lemberger und Cebernet Mitos. Die letztere Traube ist in erster Linie eine Färbetraube. Die Gaisburger Trauben der Untertürkheimer Weingärtner werden alle in der Untertürkeimer Kelter, der Weinmanufaktur, gekeltert. Pro Ar dürfen einer Verordnung der EU entsprechend bis zu 140 kg Trauben angeliefert werden, dies entspricht etwa 100 Liter Traubenmost. Als Gerhard Warth die Weinberge pachtete, war sein Bestreben, der Gaisburger Einwohnerschaft und den Institutionen wieder einen heimischen Wein, den Gaisburger Abelsberg, anbieten zu können. Er begann bei der Gastronomie, u.a. den Gaststätten Schurwald, Belle Vue, Bäckerschmide und Wasserberg, und den Getränkehandlungen Rainer Beck und Am Gaskessel zu werben. Mit Erfolg; zum Ausschank kommt der Gaisburger Trollinger und Gaisburger Riesling heute in den Gaisburger Gaststätten, selbstverständlich auch bei Veranstaltungen der Gaisburger Vereine und den Kirchengemeinden. Auch privat wird er gerne getrunken. Ein Lob dem Gaisburger Wein Der Gaisburger Wein kann sich sehen lassen. 2007 hatte er bis zu 760 Öchsle. Vom ehemaligen Schurwaldwirt Artur Bacher wird erzählt: Eines Tages kam er am Abelsberg vorbei, als Gerhard Warth im Weinberg arbeitete. Sie kamen ins Gespräch und der Schurwaldwirt meinte: In Gaisburg wächst nichts Rechts. Dies ließ sich der Weingärtner nicht nachsagen und kam mit ein paar Flaschen Gaisburger Trollinger in den Schurwald. Bacher war von der Qualität so überrascht, daß er sein vorschnelles Urteil zurücknahm und den Wein lobte. Von den 3000 Flaschen, die nach der ersten Ernte abgefüllt werden konnten, bestellte er sofort 300 Flaschen. Trinkst mäßig Du den Rebensaft So spendet er Dir seine Kraft, Doch gibst dem Unmaß Du Dich hin, Du Deine Kraft verlierst an ihm. Dr. Elmar Blessing |
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